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B'Rock: Die acht Jahreszeiten

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Vivaldi - Cage: 8 Jahreszeiten: Ein Interview mit Frank Agsteribbe

Alt oder neu?

„Historische Aufführungspraxis ist der Klang von heute, nicht von damals!“ (Richard Taruskin)

Herr Agsteribbe, es ist schwierig, diese Aufnahme in die gebräuchlichen Kategorien von Alter, Neuer oder Zeitgenössischer Musik einzuordnen. Was bedeutet sie für Sie?
Bei diesen Kategorien stellt sich mir immer die Frage: Warum sprechen wir über Alte und Neue Musik? Hilft uns diese Aufgliederung, Musik besser zu verstehen, oder ist sie gar nicht relevant, weil sie nur Mauern aufbaut, anstatt sie niederzureißen? Ist nicht die einzige berechtigte Frage: Ist die Musik aktuell? Vermittelt sie uns Heutigen irgendetwas? Berührt sie uns immer noch? In diesem Sinne ist Bach für mich aktuelle Musik, wie das auch Harnoncourt schon sagte; und halte ich Beethoven und Brahms für ebenso aktuell, wie Cage oder Wolfgang Rihm. Wesentlich an unserer Zeit ist doch, dass wir Zugang zu einer unvorstellbaren Menge an Information haben, zu einer so noch nie dagewesenen Bibliothek von Kunst, von Musik. In seinem letzten großen Roman Das Glasperlenspiel aus dem Jahr 1943 beschreibt Hermann Hesse eine künftige Welt rund um das Jahr 2200, in der alles, was jeweils an Kunst produziert wurde, verfügbar ist.
Hätte er damals vermuten können, dass das in unserer Internet- und Smartphonezeit zur Realität werden würde? Die Grenzen zwischen früher und heute sind verschwommen und die enorme Beliebtheit der Alten Musik ist dafür der lebende Beweis. Es ist einmalig in der Geschichte, dass wir diese Mengen an Musik, an Kunst genießen können. Die Herausforderung für unsere Generation von Musikern, die im Bereich der Historisch Informierten Aufführungspraxis arbeiten, ist nun, den Dialog mit der Vergangenheit zu führen und eine überzeugende Geschichte daraus zu machen. Oder besser: Eine endlose Reihe von Geschichten, denn die Geschichte existiert nicht mehr.

Und doch vermitteln Sie mit dieser Einspielung eine klare Geschichte. Ihre Geschichte?
Der unmittelbare Anlass zu dieser CD war die Anweisung von Cage in seiner Partitur des String Quartet in Four Parts: „play without vibrato and with only minimum weight on the bow“ („Ohne Vibrato und nur mit minimalem Bogendruck zu spielen“). Mit diesem vibratolosen Ton und den ätherischen Klängen sucht Cage faktisch ein Klangidiom, das für Darmsaiten konzipiert ist: Durch ihren subtilen und transparenten Klang in Kombination mit einer klaren Ansprache tragen diese sicher zur Realisation seines Klangideals bei.
Das inspirierte mich, ein für modernes Streichquartett geschriebenes Werk für Barockstreichorchester zu adaptieren. Dass sich gerade das Barockorchester B‘Rock diesem Projekt widmet, liegt auf der Hand: Von Anfang an hatte B‘Rock das Ziel, neben Barockmusik auch Repertoire des 20. Jahrhunderts und selbst ganz Neue Musik zu präsentieren. Darüber hinaus haben die beiden künstlerischen Leiter dieser Aufnahme, Rodolfo Richter als Solist, und ich selbst als Cembalist und Dirigent, Komposition studiert und führen sowohl Alte als auch Neue Musik auf. Das sorgt für einen anderen, erfrischenden Blick auf die Alte Musik, reich an Fantasie.

Inwiefern hat Ihr Hintergrund als Komponist diese Aufnahme beeinflusst?
Ein Komponist betrachtet notierte Musik grundlegend anders, als ein Interpret, vor allem ein Interpret, der historisch orientiert ist. Während in der historischen Aufführungspraxis viel nach der endgültigen, definitiven Version einer Partitur (dem Urtext) geforscht und dem Notentext dann auch soweit wie möglich buchstäblich gefolgt wird, erfährt ein Komponist jedes Mal wieder den Kampf mit den Beschränkungen der musikalischen Notation. Was letztendlich in der Partitur steht, ist nur ein kleiner Teil dessen, was der Komponist in seinem Kopf hat. Die Unmöglichkeit, seine Fantasie in Notation umzusetzen ist frustrierend und konfrontierend. Interpreten sollten mehr mit lebenden Komponisten zusammenarbeiten, um zu lernen, diese Problematik besser einzuschätzen. Wir dürfen unsere modernistische Vision, alles, was da steht so genau wie möglich wiederzugeben auch nicht auf Alte Musik projizieren. Aus allen Beschreibungen, allen Quellen von früher wissen wir, wie groß der Unterschied zwischen geschriebener und gespielter Musik war, zwischen Notation und Ausführung.

Sie sind einer der Mitgründer des Barockorchesters B‘Rock - äußert sich diese Vision auch in dessen künstlerischer Arbeit?
Als postmodernes Barockorchester leistet B‘Rock bahnbrechende Forschungsarbeit über den Zusammenhang zwischen Alt und Neu, über die gleichzeitige Präsenz von historisch weit auseinander liegenden Werken. Nochmal: Zeit ist nicht das einzige Kriterium, um Kunst zu klassifizieren. Als Piet Mondriaan gefragt wurde, ob er durch die alten niederländischen Meister beeinflusst worden sei, stritt er das entschieden ab und meinte, er habe im Gegenteil sie beeinflusst! Durch seine Kunst betrachten wir frühere Kunstwerke anders; indem wir uns mit aktueller Kunst beschäftigen, gelangen wir zu anderen Erkenntnissen über frühere Kunst. Oder: Indem wir Cage spielen, erleben wir Vivaldi in ganz anderer Weise. Pluralismus ist das Schlagwort, oder Diversität. Im Gegensatz zu einer modernistischen Utopie betont der Postmodernismus die vielen vorhandenen Schichten, bewegt sich in einem flexiblen Netzwerk von Stilen, die einander in alle Richtungen beeinflussen. Postmodernisten sind Allesfresser.
Diese Sichtweise zeigt sich sehr deutlich in der Programmation, der Philosophie und den Aufführungen von B‘Rock: Ausgehend von den Errungenschaften der Historischen Aufführungspraxis versuchen wir, sehr konkret und plastisch musikalische Erfahrungen zu vermitteln, experimentieren gerne mit unkonventionellen Kombinationen von Musik (zum Beispiel Vivaldi mit Cage), und arbeiten mit einer Gruppe von starken musikalischen Persönlichkeiten, die sowohl in der Alten, als auch in der Neuen Musik Erfahrung haben.

Wie verbindet man Vivaldi mit Cage?
Vivaldi verstand es wie kein anderer in seiner Zeit, eine Geschichte in Musik auszudrücken: Zwitschernde Vögel und ein bellender Hund im Frühling, die schwüle Wärme und ein plötzliches Gewitter im Sommer, der Herbst mit seinen Erntedankfesten, schlafenden Betrunkenen und der Jagd, und im Winter das Zittern und Zähneklappern im Schnee und das Liegen am wohltuenden Herdfeuer. Die ursprünglichen Sonette, vermutlich von Vivaldi selbst, waren nicht nur der Anlass für die Musik, sondern sind als sinnfällige Illustration auch zwischen den Notenzeilen in der Partitur abgedruckt. Vivaldis Quattro Stagioni sind ein Teil der Sammlung Il Cimento dell‘Armonia e dell‘Invenzione opus 8, oder „der Prüfstein für Wohlklang und Erfindungsreichtum“. Seine Musik verlangt nicht nur, sondern fleht geradezu nach einer bild- und fantasievollen Herangehensweise, die weit über die Noten in der Partitur hinausreicht. So kreiert Vivaldi eine Geschichte, in der alle Details für uns schon vorhanden sind: Der Hörer bekommt sie auf dem Tablett präsentiert und kann der Geschichte ohne viel Mühe folgen.
In der Zeit, in der Cage sein String Quartet in Four Parts komponierte (1949-50), studierte er intensiv Satie und ZEN. Beide veranlassten ihn zu der Bemerkung: „Die Verantwortung des Künstlers besteht darin, sein Werk zu perfektionieren, so dass es ansprechend uninteressant wird.“ In diesem Quartett erreichte er das, ebenso wie Satie, durch die Kultivierung von Langeweile: Wiederholung der stets gleichen Klänge, rhythmische Einfalt und stets wiederholte Zeitstrukturen in mehr oder weniger demselben Tempo. Die vier Sätze bilden eine zyklische Aufeinanderfolge der vier Jahreszeiten, von Sommer bis Frühling. Die ersten zwei Sätze spielen mit einer Assoziation von Orten (Sommer in Frankreich, Herbst in Amerika), und die letzten zwei Sätze haben ein musikalisches Thema: Abwechselnd Kanon und Quodlibet. Gleichzeitig befindet sich die Musik in schönster Harmonie mit den traditionellen Konnotationen, die man mit den Jahreszeiten verbindet: Preservation (Bewahrung), destruction (Zerstörung), peace (Friede) und creation (Neuschöpfung).
Cage erfüllt die traditionellen Erwartungen die wir mit den vier Jahreszeiten verbinden aber nicht buchstäblich. Er komponiert die vier Sätze ohne pittoreske Details und kreiert einen Raum, in dem wir unserer eigenen Fantasie und unseren Anregungen freien Lauf lassen können.
Auf diese Weise bekommen wir acht Jahreszeiten, verteilt über zwei Jahrhunderte: Vivaldi und Cage. Wir hoffen, dass es den Hörer mitreißen wird.


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